Diabetes Wissen

Gründe für erhöhten Nüchtern-Blutzucker bei Typ-2 Diabetes und was man dagegen tun kann

25.9.2019 von Michèle Theißen
Hoher Blutzucker am Morgen

Du hast Typ-2 Diabetes und kämpfst mit hohen Nüchtern-Blutzuckerwerten? Sicher hast du dich schon oft über den hohen Blutzucker am Morgen geärgert. Manchmal geht man mit hohen Werten ins Bett und der Zucker bleibt einfach hoch, aber manchmal ist es noch verzwickter.

Man startet mit einem guten Ausgangswert in die Nacht und steigt dann auch noch über Nacht an, obwohl man sich keiner Schuld bewusst ist, dass man nachts den Kühlschrank geleert hätte.

Also, wie kommt es zu diesen erhöhten Nüchternwerten?
Wenn man Diabetes mellitus Typ-2 hat, hat man ärgerlicherweise meist ein bisschen Vorratsspeck am Bauch (gibt natürlich auch Ausnahmen) oder sagen wir genauer “im Bauch”. Mediziner nennen das dann das abdominale Fett. Staut sich das Fett in unseren Leberzellen auf, werden sie weniger empfindlich gegenüber dem Hormon Insulin. Und hier liegt die Krux.

Zuckerausschüttung aus der Leber

Üblicherweise schüttet unsere Leber je nach Körpergewicht ca. 8-12 g Zucker pro Stunde ans Blut aus, um den Zucker zu stabilisieren wenn wir gerade nicht essen. Bei erhöhten Zuckerwerten wird normalerweise Insulin ausgeschüttet, welches die Zuckerfreisetzung unterdrücken soll. Diese Zuckerfreisetzung würde ja eigentlich auch nicht gebraucht, wenn der Zucker eh schon hoch ist. Da bei Diabetes mellitus Typ-2 häufig eine Insulinresistenz vorliegt und das Insulin daher nicht mehr richtig wirken kann, schüttet die Leber viel mehr Zucker ins Blut aus als benötigt. Dieser ganze Zucker müsste dann eigentlich mit Hilfe von Insulin in die Muskelzellen transportiert und verbraucht werden. Da diese aber besonders nachts beim Schlafen keinen sehr hohen Bedarf haben, staut sich das ganze dann im Blut auf und das Resultat sind dann erhöhte Blutzuckerwerte am Morgen.

Zusätzlich spielen uns verschiedene Hormone (Wachstumshormonen, Adrenalin, Cortisol & Glukagon) noch einen Streich. Sie sind die Gegenspieler zum Hormon Insulin und wir produzieren diese in der zweiten Nachthälfte, damit wir morgens dann so richtig in Schwung kommen.
In den frühen Morgenstunden brauchen wir daher mehr Insulin um den Zucker in die Zellen zu transportieren als beispielsweise mittags. Daher kann ein Frühstück mit weniger schnellen Kohlenhydraten und lieber etwas mehr Eiweiß helfen, den Zucker nicht ganz so stark ansteigen zu lassen. Das geliebte weiße Weizenbrötchen mit Erdbeermarmelade ist also eher was für besondere Tage. 😉

Schlafqualität kann sich auf den Blutzucker auswirken

Aber noch weitere Faktoren haben Einfluß auf unsere Blutzuckerwerte am Morgen. So zum Beispiel auch die Dauer und Qualität unseres nächtlichen Schlafes.
Wer weniger als 6 h schläft oder schlecht schläft, hat meist mehr vom Stresshormon Cortisol im Blut, was die Leber veranlasst nochmal eine Extraportion Zucker freizusetzen.

Was kann ich gegen erhöhte Blutzuckerwerte am Morgen tun?

Fangen wir mit den kleinen Helfern an: 

  • Schlafe gut und genug. Leider leichter gesagt als getan.🙃

  • Iss dein Abendessen möglichst 4 Stunden vor dem Schlafen. Das hat den Vorteil, dass die Mahlzeit dann zu größten Teilen verdaut ist und nicht noch zusätzlich über Nacht die Blutzuckerwerte erhöht. 

  • Ein Spaziergang nach dem Abendessen kann nochmal helfen die Zellen sensibler für die Insulinwirkung zu machen. Die Muskeln verbrauchen dann auch einfach mehr Zucker, dadurch staut der sich nicht so auf und wird nicht in Fett umgewandelt. 

  • Es gibt auch einige Diabetes-Medikamente, die helfen können:
    Ein wichtiger Wirkstoff ist das Metformin. Es wirkt ca. 12  Stunden lang und kann die ungebremste Zuckerfreisetzung der Leber unterdrücken. Bei hohen Nüchternwerten ist die Einnahme ideal am späteren Abend. Ob das für dich überhaupt in Frage kommt, kannst du mit deinem betreuenden Arzt/Ärztin besprechen. 

  • Insulin senkt natürlich auch die Nüchternwerte und bei einigen Typ-2 Diabetikern ist Insulin auch unverzichtbar. Aber dennoch Vorsicht, denn Insulin löst das Problem an sich nicht, es senkt nur den hohen Zucker und oftmals klappt auch das nicht richtig aufgrund der ausgeprägten Insulinresistenz. Bedenke: Insulin ist unser Fettspeicherhormon, also je mehr wir davon spritzen, desto weniger Fett können wir verbrennen. Und ich kenne kaum einen, der die Vorstellung “Schlank im Schlaf” nicht schön findet. 

Eine wirklich intensive Maßnahme wären die Entlastungstage. Diese kann man in Form von Hafertagen gestalten oder auch auch in anderen Versionen. Ziel ist es für 2-3 Tage vorübergehend drastisch die Kalorienzufuhr zu reduzieren um das eingelagerte Fett aus der Leber und der Bauchspeicheldrüse einzuschmelzen. Ist das geschafft, spricht die Leber oftmals wieder auf Insulin an und schüttet nicht so viel Zucker aus und die Bauchspeicheldrüse kann dann auch wieder besser selber Insulin freisetzen. Der tolle Effekt hält dann oft ein paar Tage an und man kann es monatlich wiederholen. Hierbei kann sogar eine Anpassung der Medikamente oder der Insulinmenge notwendig werden, daher sollte ein solche Maßnahme auch auf jeden Fall mit dem Arzt/Ärztin abgestimmt sein!
 

“Editor’s Note: This post was originally published in 2014 and has been completely revamped and updated for accuracy and comprehensiveness.”revamped in 2019

Michèle Theißen

Michèle ist Diabetesberaterin und seit 2005 in der Diabetologie aktiv. Egal ob es um Typ 1, Typ 2 oder Schwangerschaftsdiabetes geht, ob es sich ums Thema Lebensstil oder Insulintherapie handelt - sie unterstützt mySugr seit 2017 mit viel Engagement und Wissen von Wien aus.