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Verliebte Herzen und streikende Bauchspeicheldrüsen

06. Februar 2019 von Sarah-Maria Richter

2004 wurde bei mir Typ-1 Diabetes diagnostiziert und ich habe mir diese Frage wahrscheinlich öfters als sonst gestellt: warum ich? In den darauffolgenden Jahren habe ich viel über die Krankheit und deren Einfluss auf mein Leben gelernt. Ich habe mich zunehmend damit arrangiert und mittlerweile kann ich sagen, dass ich dankbar für diese Herausforderung in meinem Leben bin.

Das Jahr 2018 sollte dann noch einmal alles rund um mein Leben mit Diabetes verändern.

Zum einen hatte ich das Glück hier bei mySugr gelandet zu sein, wo viele tolle Menschen, mit und ohne Diabetes, versuchen den Alltag mit der Krankheit etwas entspannter zu gestalten. Ohne Zweifel war dies eine der größten Bereicherungen in 2018. Aber es gab noch ein anderes, so unvorstellbares Ereignis, das alles verändert hat.

Und das ist die Geschichte dazu…

Ein Tag der alles veränderte

Freitag, 23. Februar 2018- Mein Freund feierte in dieser Februarwoche seinen 26. Geburtstag. An jenem Freitag erwartete ich ihn in Wien mit Geschenken und Kuchen. Für das Wochenende hatten wir uns einiges vorgenommen und ich war total aufgeregt!

Als er in meiner Wohnung ankam, öffnete er seine Geschenke und wir aßen einen seiner (mittlerweile) Lieblingskuchen. Wir sprachen über verschiedenste Themen- Job, Freunde, Familie. Er erzählte mir u.a. von ungewöhnlichen Symptomen, die er bei sich in den vergangenen Wochen bemerkt hatte, wie z.B. ein verstärktes Durstgefühl, Gewichtsverlust, Müdigkeit und vermehrter Harndrang. Mein Freund hatte öfters über seinen Gewichtsverlust geklagt, aber nie wurde mir etwas so schnell klar wie an diesem Tag. “Na, das sind ja glatt Anzeichen für Diabetes”, habe ich damals in einem eher sarkastischen Ton gesagt. Ich bot ihm an seinen Blutzuckerwert zu testen. Er stimmte zu.

Ich holte mein Messgerät, führte einen Messstreifen ein und nahm Blut von seinem Finger. Mein Herz fing an zu rasen und alle mögliche Gedanken schossen mir durch den Kopf. Ich redete mir ein, dass die Chance gleich null sei, dass mein Freund Diabetes hat. Noch nie ist mir so etwas vorher passiert. Und ich habe schon unzählige Male den Blutzucker von Freunden oder Verwandten gemessen. Es fühlte sich wie eine halbe Ewigkeit an, ehe der Wert auf dem Bildschirm erschien: 32,2 mmol/l (570 mg/dl). Nein…waaaas?! Wir maßen noch ein weiteres Mal, doch der Wert blieb ähnlich.

Ich war wie in einer Schockstarre, brachte keinen Laut heraus. Es dauerte ein paar Sekunden, bis ich mich wieder gefasst hatte. Ich berichtete meinem Freund von seinem Blutzuckerwert, weil er ungefähr wusste wie hoch ein normaler Wert sein sollte. Seine erste Reaktion: “Das kommt bestimmt nur von dem Stück Kuchen was ich gerade gegessen habe.” Ich wusste natürlich, dass dies unmöglich sei. Ich bin seit 13 Jahren Diabetikerin und trotzdem war ich in diesem Moment einfach nur überfordert. Ich entschied die 112 anzurufen. Diese rieten uns sofort ins Krankenhaus zu fahren, weil man bei so einem hohen Wert riskiert, größere Schäden zu erleiden. Gesagt, getan.

Couple with diabetes

Diabetes in einer Partnerschaft – Die Sonnenseiten

An jenem Tag wurde bei meinem Freund also ebenfalls Typ-1 Diabetes diagnostiziert. Die darauffolgenden 10 Tage verbrachte er im Krankenhaus. Ich besuchte ihn jeden Tag, begleitete ihn zu seinen Schulungen und versuchte ihm die Basics dieser Krankheit so gut wie möglich zu erklären. Er spricht zwar annähernd perfekt deutsch, aber es ist nicht seine Muttersprache. Es tat mir anfangs sehr leid, dass er das durchmachen musste. Zwar habe ich kein Problem mit meiner Krankheit und es schränkt mich nicht ein, aber ich wollte nie dass jemand der mir nahe steht dasselbe durchmachen muss. Im Nachhinein scherzt mein Freund öfters, dass wir eben durch mehr Dinge verbunden sind als nur unsere Liebe – schmerzlich und süß zugleich.  

Diabetes in einer Partnerschaft hat natürlich auch seine positiven Seiten. Das Beste ist wahrscheinlich, dass man immer nachvollziehen kann wie sich der Andere in bestimmten Situationen fühlt. In unserem gemeinsamen Alltag erinnern wir uns ständig gegenseitig daran zu messen oder spritzen. Wenn einer von uns einen Unterzucker hat, hat der Andere schnell einen Saft parat. Wenn sich einer von uns müde und erschöpft fühlt, hat der Andere vollstes Verständnis. Und das Praktischste ist natürlich, dass ich immer jemanden habe, der mir mit Nadeln oder einem Sensor aushelfen kann (falls ich mal wieder zu faul war mir ein Rezept zu besorgen). Es sind diese und noch viele andere Momente, die unseren Alltag nicht nur erträglich, sondern aufregend und liebevoll zugleich gestalten.

Mit diesen Erfahrungen aus dem letzten Jahr fühlt es sich so an, als wäre es egal welche Herausforderung man vor sich hat. Am Ende kann diese Herausforderung immer etwas Gutes mit sich bringen. Ob es die Menschen sind, die du auf deinem Weg kennenlernst, oder die Erfahrung die du an andere weitergeben kannst – scheinbar negative Ereignisse, können eine große Bereicherung darstellen. Ich bin sehr dankbar für das, was mir das Leben mit Diabetes gelehrt und welche Wege es mir geebnet hat.

 

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