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Postprandiale Glukose – warum Müdigkeit nach dem Essen nicht zwangsläufig eine Fressnarkose ist

07. Juli 2017 von Ilka Gdanietz

Postprandiale Blutzuckerwerte – wir erinnern uns. Das sind die Blutzuckerwerte, die nach einer Mahlzeit gemessen werden, denn postprandial bedeutet “nach dem Essen” (lateinisch: post = nach, prandium = das Essen). Ein Blutzuckerwert, der 1 -2 Stunden nach dem Essen gemessen wird, zeigt an wie stark die gegessenen Kohlenhydrate den Blutzucker beeinflussen.

Im Idealfall sollte der Blutzucker 1-2 Stunden nach der Mahlzeit unter 160 mg/dl bzw. 8,9 mmol/l liegen1 (DDG Leitlinie T1 2011, Langfassung), sofern der Arzt keine anderen individuellen Ziele festgelegt hat.

Aber mal ehrlich, wie oft checkt ihr euren Blutzucker nach dem Essen? Klar, vor dem Essen ist auch irgendwie nach dem Essen. Aber es ist natürlich sinnlos, den Blutzucker vor dem Abendessen als postprandialen Blutzucker des Mittagessens zu bezeichnen. Das zählt nicht und ist auch nicht aussagekräftig! Denn: der Blutzucker kann zu diesem Zeitpunkt schon längst wieder im Normalbereich sein, direkt nach der Mahlzeit (1-2 Stunden) aber unbemerkt Höhenflüge veranstaltet haben. Aber mal von vorn…

Wie funktioniert die postprandiale Blutzucker-Regulierung?

Auch Nicht-Diabetiker haben nach dem Essen leicht erhöhte Blutzuckerwerte. Die Aufspaltung der Nahrung in einfache Zuckerbausteine und Umwandlung in Glukose beginnt bereits im Mund. Die Bauchspeicheldrüse eines Nicht-Diabetikers beginnt hier bereits mit der Insulinausschüttung, um extreme postprandiale Blutzuckeranstiege abzufangen.

Die Challenge für Diabetiker

Kurz: Bei uns Diabetikern sollte versucht werden, die Insulinsekretion von gesunden Menschen so gut wie möglich nachzuahmen. Nicht immer ganz einfach…

Da wir Diabetiker unser Insulin extern zuführen müssen, und auch moderne und schnellwirkende Insuline noch nicht punktgenau zu dem Zeitpunkt wirken, an dem sie gespritzt/gepumpt werden, ist es oft leichter gesagt als getan, diese entstehende Insulinlücke abzudecken. Unser Blutzucker bahnt sich klammheimlich den Weg nach oben, und das oft unbemerkt. Diese Insulinlücke bzw. der Anstieg des Blutzuckers lässt sich übrigens wunderbar mit modernen kontinuierlichen Glukose-Messsystemen wie CGM oder FGM beobachten.

Hohe Blutzuckerwerte – Wie fühlt sich das an?

Nicht wirklich toll, würde ich persönlich behaupten. Diese Müdigkeit nach dem Essen, man fühlt sich erschöpft, unproduktiv und möchte sich am liebsten einfach hinlegen und ein wenig ausruhen. Was erstmal klingt wie eine typische “Freßnarkose” oder “Schnitzelkoma”, kann aber auch ein Zeichen für postprandiale Hyperglykämien (Obacht! Nicht mit Hypoglykämie (Unterzuckerung) verwechseln!) sein.

Auswirkungen von hohen postprandialen Blutzuckerwerten

Blutzuckerspitzen nach dem Essen können den Alltag ganz schön beeinflussen.

Und nicht nur das. Erhöhte postprandiale Blutzuckerwerte können auch das Risiko für Folgekomplikationen2 steigern. Hierzu gehören zum Beispiel kardiovaskuläre Erkrankungen oder Augenschäden. Klar, da möchten wir nichts von wissen. Aber die Augen davor zu verschließen bringt ja noch viel weniger. Ebenso können regelmäßige postprandiale Blutzuckerspitzen, auch wenn sie nur von kurzer Dauer sind, sich in der Summe langfristig negativ auf den HbA1c auswirken3.

Abhilfe durch schneller wirkende Insuline

Um postprandiale Blutzuckerspitzen zu vermeiden und natürlich auch um uns Diabetikern den Alltag etwas entspannter zu machen, ist es umso wichtiger, dass immer weiter an Insulinen geforscht wird.

Ein schneller Wirkeintritt bedeutet, dass die lästigen postprandialen Blutzuckerspitzen reduziert werden können und der Blutzucker sich dafür schneller wieder im Normalbereich einpendeln kann.

Tipps um postprandiale Blutzuckerspitzen zu vermeiden

1. Spritz-Ess-Abstand beachten

Die Kunst unseren Blutzucker nicht allzu stark schwanken zu lassen liegt also darin, irgendwie das Anfluten von Insulin und Glukose im Blut möglichst genau aufeinandertreffen zu lassen. Und da kommt der Spritz-Ess-Abstand (SEA) ins Spiel, also die Zeitspanne zwischen Injektion des Mahlzeiten-Insulins (Bolus) und dem Essen. Den richtigen SEA zu ermitteln,   kann manchmal etwas aufwendig sein, wer aber regelmäßig mit erhöhten postprandialen Blutzuckerwerten zu kämpfen hat, der sollte sich ruhig einmal mit dem SEA auseinander setzen. Fest steht aber, je schneller ein Insulin wirkt, desto mehr kann man auf einen SEA verzichten oder im Idealfall komplett weglassen.

2. Art der Kohlenhydrate

Wie mit dem SEA, können wir auch mit der Nahrung etwas tricksen, um den Blutzucker in Schach zu halten. Kohlenhydrate sind nicht gleich Kohlenhydrate. Das ist leider so. Manche Kohlenhydrate gehen schnell ins Blut, andere weniger. Mal vom Traubenzucker abgesehen, ist vielen Diabetikern zum Beispiel nicht bewusst, dass Weißmehl-Produkte den Blutzucker irrsinnig schnell ansteigen lassen. Das Wort “Glykämischer Index” (GI) habt ihr sicher schon mal gehört. Er beschreibt die Wirkung eines kohlenhydrathaltigen Lebensmittels auf den Blutzucker. Langsame Kohlenhydrate haben einen niedrigen GI (zB. Gemüse, Joghurt). Schnelle Kohlenhydrate hingegen haben einen hohen GI (Baguette, Nudeln) und wandern schnell ins Blut. Welche Nahrung einem am besten bekommt, bzw. dem Blutzucker freundlich gestimmt ist, muss jeder für sich herausfinden (Trial and Error). Schmiere ich nämlich eine Schicht Butter (Fett verzögert die Kohlenhydrataufnahme) auf mein Weißbrot, sieht die Sache schon wieder ganz anders aus.

Achtung: Panikbolus vermeiden!

Klar, hohe Blutzuckerwerte sind mies und was liegt da näher, als diese so schnell wie möglich wieder in den Normalbereich bringen zu wollen. Doch aufgepasst. Oft werden Korrekturen viel zu schnell vorgenommen (Panikbolus). Wie bereits erwähnt, lässt es sich auch bei gesunden Menschen nicht vermeiden, dass der Blutzucker nach dem Essen leicht ansteigt. Für uns Diabetiker ist aber ausschlaggebend, wann genau nach dem Essen gemessen wird, und wieviel Insulin noch im Körper aktiv ist (IOB = insulin on Board). Wer nur kurz nach einer Mahlzeit einen erhöhten Blutzuckerwert korrigiert, wird mit aller Wahrscheinlichkeit in einer Unterzuckerung landen, da sich Mahlzeiten und Korrektur-Bolus überlagern (Insulin Stacking). Hilfreich hierfür ist es übrigens, den Bolusrechner in der mySugr App zu verwenden. Denn er gibt euch Auskunft darüber, wieviel Insulin noch vom letzten Bolus wirkt, und ob eine Korrektur tatsächlich nötig ist.


Quellen:

1 Deutsche Diabetes Gesellschaft, S3Leitlinie Therapie des Typ-1 Diabetes Langfassung – Version 1.0 September 2011; 1920 2

2 International Diabetes Federation 2011; Guideline for management of postmeal   glucose in diabetes. www.idf.org. Accessed August 17, 2015

3 Monnier L et al. Diab Care 2003;26(3):881-885

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