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Diabetes und Pubertät

07. Februar 2019 von Jessica Schmidt-Herzel

Blutzuckerachterbahn in der Pubertät – aber warum?

Die Pubertät wird den Altersklassen zwischen 9 und 17 Jahren zugeordnet, wobei Jungs etwas später in die Pubertät kommen, als Mädchen.

Mit Beginn der Pubertät werden vermehrt Geschlechtshormone produziert. Östrogen (bei den Mädchen) und Testosteron (bei den Jungs) werden in schwankender Konzentration (pulsatil) ins Blut abgegeben und sorgen dafür, dass die Insulinsensitivität schwankt, was mit Blutzuckerachterbahnfahrten einher geht und in den meisten Fällen eine Insulinanpassung erfordert. .

Die meisten Mädchen bekommen dies deutlich zu spüren, sobald die Periode einsetzt. In der Regel (Achtung Wortwitz) sieht es so aus: In der ersten Zyklushälfte ist der Insulinbedarf meist niedriger und in der zweiten Zyklushälfte erhöht sich der Bedarf nach dem Eisprung. Ungefähr 5 Tage vor der Periode steigt der Insulinbedarf dann nochmals an, was auf den Abfall von Östrogen und Progesteron zurückzuführen ist. Es kann hilfreich sein, eine Zyklusapp (zum Beispiel Clue) zu verwenden, um den monatlichen Rhythmus dann mit dem mySugr-Report zu vergleichen.

Ein weiteres Hormon ist ebenfalls von Bedeutung: das Wachstumshormon. Es ist verantwortlich für, wie der Name schon sagt, das Größenwachstum in diesem Abschnitt des jugendlichen Lebens . Es wird regulär in den frühen Morgenstunden ausgeschüttet und führt somit zu erhöhten Blutzuckerwerten am Morgen. Dies nennt man auch Dawn-Phänomen (Dämmerungsphänomen), welches jedoch nicht nur in der Pubertät zum Problem werden kann, sondern auch viele Erwachsene betrifft. Durch die besagten Wachstumshormone kann der Insulinbedarf um das 1,5-fache ansteigen. Das ist völlig normal und bei jedem so!

Pubertät erfordert gezielte Insulinanpassung

Es ist daher wichtig und notwendig, die basale Insulinversorgung zu optimieren (Basalratenanpassung) oder gar das Basalinsulin zu wechseln. Wenn die basale Versorgung erstmal passt, kann es aber durchaus noch sein, dass auch beim Bolus- oder Mahlzeiteninsulin die ein oder andere Stellschraube gedreht werden. Meistens wird auf einmal doppelt so viel Insulin (oder sogar noch mehr) zum Frühstück nötig als gewohnt. Außerdem bringt die Pubertät einen anständigen Appetit mit sich und das “Pubertier” verdrückt plötzlich riesige Portionen: da war ich als Diabetesberaterin in der Praxis schon sehr oft erstaunt, was die Jugendlichen an Monster-Portionen vertilgen können, und wie viel Insulin dann plötzlich ins Spiel kommt.  Das ist aber alles in Ordnung, der Körper will ja schließlich wachsen und dafür werden eben die Kalorien gebraucht. Gesund können die aber trotzdem gerne sein und müssen nicht nur aus Pizza und Chips bestehen.

Hirnreifungsprozess – Fluch und Segen zugleich

Aber nicht nur die Hormone und deren Schwankungen haben Einfluß auf die Blutzuckerwerte in der Pubertät, sondern auch der Hirnreifungsprozess. Wir sind ja froh, dass dieser überhaupt stattfindet, aber warum hat dieser Prozess Einfluss auf das Verhalten von Jugendlichen mit und ohne Diabetes?

Durch die Hirnreifungsprozesse erleben Jugendliche innerhalb von Minuten massive Stimmungsschwankungen von „himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt“. Ein Auf und Ab der Gefühle eben. Entsprechend schwer fällt es daher, gelassen auf schwankende oder unerklärlich hohe Blutzuckerwerte zu reagieren. Oder auf nervige Fragen der besorgten Eltern, oder klingelnde Pumpen- oder CGM-Systeme. Da wird der eine oder andere Alarm schon mal weggedrückt oder ignoriert.
Jugendliche wollen und vor allem sollen selbständig werden. Bei Kindern bzw. Jugendlichen mit Diabetes bedeutet das: Sie haben keine Lust, immer wieder nach den Blutzucker -oder Sensorwerten gefragt zu werden, das kann ganz schön nerven: “Mensch, Mama….!”
Was sie wollen ist: Den Diabetes alleine managen, mit ihren Freunden und Freundinnen abhängen und chillen, nicht immer bevormundet werden. Und bei Fragen, ihre Eltern im Hintergrund als Ansprechpartner haben, Vertrauen haben. Das gilt für beide Seiten.

Es ist jetzt natürlich absolut wichtig, die Insulintherapie nicht zu vernachlässigen, Alarme nicht zu ignorieren, Katheter regelmäßig zu wechseln und das Mahlzeiten- und Korrekturinsulin nicht zu vergessen, logisch. Und versuchen, sich von hohen Werten nicht frustrieren zu lassen! Korrigieren, weitermachen.

Austausch ist wichtig

Für Jugendliche mit Diabetes wird in den Praxen oder Ambulanzen auch Einiges geboten: es gibt Diabetes-Schulungsprogramme extra für die Themen der Jugendlichen, Teeniefreizeiten, Diabetes-Camps (wie zum Beispiel das CampD) und, so uncool es klingt, “Selbsthilfegruppen”. Dies hilft, selbstbewusster und selbständiger mit dem Diabetes umzugehen und sich mit anderen Jugendlichen mit Diabetes auszutauschen, denn persönlicher Austausch ist extrem wichtig und hilfreich. Diese Schulungen und Fahrten sind natürlich ohne die Eltern vorgesehen. Man will ja schließlich selbständig werden…

Auch sind regelmäßige Vorstellungen beim betreuenden Diabetologen und/oder der Diabetesberaterin, um die Insulindosierung zu überprüfen und anzupassen, oder um besondere Situationen zu besprechen, ist unabdingbar. Immerhin ist man ab dem 16. Lebensjahr in einem Alter, in dem Alkohol langsam gesetzlich erlaubt ist. Da ist Teamarbeit angesagt- besonders Freunde und Eltern gehören beim Thema Alkohol mit ins Boot. Wir hatten schon einmal über das Thema Alkohol berichtet.

Spannend wird es nochmal, wenn die Jugendlichen offiziell erwachsen werden: sprich der 18. Geburtstag vor der Tür steht. Da spielt das Schlagwort “Transition”, d. h. der Wechsel in die Erwachsenendiabetologie, eine wichtige Rolle.

Zusammenfassend gesagt: Für Kinder und ihre Eltern ist es wichtig, dass sie so früh wie möglich in die Therapie mit einbezogen werden. Es hilft enorm, wenn die Basalrate und der Bolus in verschiedenen Situationen selbständig anpasst, die Kohlenhydrate eingeschätzt und die Dosis ausgerechnet werden kann , der Katheter gewechselt oder die Insulinampulle ausgetauscht werden kann. Und den Eltern hilft es, loszulassen und zu vertrauen.

Egal ob mit oder ohne Diabetes, die Pubertät ist machbar!

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