zurück zur Übersicht

Diabetes im Film - Komödie oder eher Drama?

29. Jänner 2015 von Anne Kainz

Die Filmindustrie klärt auf. Wieder einmal wird dem ahnungslosen Zuschauer untergejubelt, dass Diabetiker bei einer Unterzuckerung unbedingt Insulin braucht. Und das am besten intravenös. Hollywood verdächtig. Vorbei mit der Entspannung. Mir platzt der Kragen.

Ob Hyper oder Hypo- Hauptsache erstmal Insulin

Wir Diabetiker messen, schätzen, rechnen und spritzen jeder Tag. Es gehört zu unserem Leben, wird über kurz oder lang zur Routine. Muss ja. Natürlich vergisst man auch mal einen Bolus auf der Insulinpumpe abzugeben, oder der Pen bleibt ausversehen mal zu Hause auf dem Küchentisch. Shit happens. Wir sind schließlich Menschen, keine Maschinen. Solche Situation sind natürlich ärgerlich, aber wir wissen damit umzugehen. Kein Grund zur Panik, ruhig Blut Monster-Zähmer.
In der Filmindustrie bricht in solchen Darstellungen dafür akute Panik aus. Die Insulinampulle fällt auf den Boden und zersplittert. Schock. Der Diabetiker schwebt ab dem Zeitpunkt des Missgeschickes natürlich sofort in absoluter Lebensgefahr. Das Ende der Welt naht, Auge in Auge mit dem Sensemann. WAS FÜR EIN MIST!

Kürzlich lief wieder den Film „Con Air“ im Abendprogramm. Keine leichte Kost. Aber in dieser „Insulin fällt und zerschellt am Boden“ Szene, konnte ich mir einen Lacher leider nicht verkneifen. Ab dem Zeitpunkt des Zerberstens bekommt der arme Diabetiker in diesem Film schwerste Schweißausbrüche, Krämpfe und ähnliches. Quasi zeitgleich. (Hätte ich diesen Film kurz nach meiner Diagnose gesehen, würde ich vermutlich nur noch mit in Watte gepackten Insulin-Flaschen herum rennen, und das in dreifacher Ausführung).
Wir Diabetiker wissen: Insulinmangel führt zu einer Hyperglykämie. Die dramatisch dargestellten Schweißausbrüche mit Krämpfen sind allerdings eher Anzeichen einer Unterzuckerung (Hypoglykämie).
Bei einer Hyperglykämie entgegen erwarten uns elender Durst, Kopfweh, Abgeschlagenheit, oder auch Übelkeit und Magenkrämpfe. Offenbar ist das für die Filmindustrie nicht dramatisch genug, obwohl so eine echte Keto eigentlich sogar extrem dramatisch und gefährlich ist. Da wird die Realität aber einfach mal lieber ignoriert. Ich vermute allerdings jedoch eher, der Grund für fehlerhafte Darstellung liegt in der schlechten Recherche.
Ich wünsche mir eine bessere Recherche und eine realitätsnahe Darstellung von Diabetes in Film und Fernsehen.

Gluco-Watches sind die neuen alten CGMs

Genauso erstaunlich ist es, dass oft auch noch nicht entwickeltes Equipment gezeigt wird. “Panic Room“ wird den meisten etwas sagen. Dieser Film stammt aus dem Jahr 2002 und ich war damals schon schwer begeistert von der ultra coolen Blutzuckeruhr, die Kristen Stewart am Handgelenk trägt. Wow, Science Fiction! Damals gab es zwar Prototypen solcher „Gluco-Watches“ aber keine hat es jemals bis zur Markteinführung geschafft. Noch heute wird man gelegentlich gefragt, warum ich mir in den Finger steche und keinen von diesen “Blutzucker-Uhren” habe. Glaubt mir, die hätte ich. Würde es sie nur geben (damit meine ich jetzt keine CGM Systeme, die den gemessenen Zucker auf eine Uhr übertragen).
Egal ob Gluco-Watch, Messgeräte oder Pens, ich freue mich immer wenn Filme mit Typ-1 Diabtetes “gespickt” sind. Irgendwie sogar ein wenig cool. Immerhin dreht sich in Con Air und Panic Room sogar ein Teil der Story um Diabetes.
Anders in „White House Down“. Hier erwähnt der Bösewicht bei einem Stück Kuchen (eh klar), dass er Diabetes habe. Punkt. Und weiter? Die Handlung bleibt von der Aussage komplett unberührt. Da hätte er auch „Von Kuchen bekomme ich Schluckauf“ sagen können. Die Szene ist so seltsam und absurd, dass ich oft über den Sinn gegrübelt habe. Die Drehbuchschreiber lassen sich ja wirklich was einfallen.

 

Schlussendlich wissen wir Typ-1 Diabetiker, wie es im Leben eines Diabetikers wirklich abläuft und wir sollten eigentlich über solche schlecht recherchierten Film-Erkrankungen lachen. Schade ist es dennoch.
Denn es geht hier weniger um unser Empfinden als Diabetiker (wir kennen uns aus), sondern wie Diabetes im Film und in den Medien allgemein dargestellt und welches Bild gegenüber der Allgemeinheit oder auch frisch diagnostizierten Diabetikern vermittelt wird. Ist da Drama und Angstmache der richtige Ansatz? Ich persönlich denke nicht.
Egal ob Typ-1 oder Typ-2, richtig dargestellt wäre schon mal ein erster Schritt. Hypos sind eh schon überflüssig und blöd genug, da kann ich gut und gerne auf nervendes Halbwissen à la „Spritz dir doch Insulin“ verzichten- zur Sicherheit aller Beteiligten.

Einen sehr ausführlichen englischen Artikel zum Thema Diabetes im Film gibt es hier.

FacebooktwittermailFacebooktwittermail

Newsletter, Blog-Beiträge und Tipps & Tricks aus der Monster-Werkstatt.