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Blutzuckerwerte – je niedriger heißt nicht zwangsläufig desto besser

23. August 2018 von Michèle Theißen

Natürlich ist es super und erstrebenswert, wenn die Blutzuckerwerte im Zielbereich (Time in Range) liegen. Doch das kann im Alltag auch ein schwieriger Balanceakt sein. Denn für alle, die noch nicht die Rundum-Sorgloslösung eines Closed-Loop-Systems haben, ist es oft eine echte Herausforderung alle Einflüsse (wie z.B. Stress, Alkohol, Sport…) zu berücksichtigen, die unseren Blutzucker tagtäglich beeinflussen können. Je niedriger wir versuchen den Blutzuckerspiegel zu halten, desto mehr Unterzuckerungen können wir uns damit einhandeln, das sollte jedem bewusst sein. Aus Sorge vor Folgeerkrankungen, werden oft strenge Zielwerte von 100 mg/dl (5,6 mmol/l) und weniger gesetzt.
Unterzuckerungen sind nichts, was man sich wünscht oder braucht, keine Frage! Oftmals kommen sie mit einer Reihe unangenehmer Anzeichen daher und im schlimmsten Fall droht die Bewusstlosigkeit. Aber auch wenn es nicht zum Schlimmsten kommt, so gibt es langfristige Auswirkungen, derer man sich bewusst sein sollte.

Und was ist nun das Problem mit den Unterzuckerungen?

Das Problem häufiger sehr niedriger Zuckerwerte ist, dass dabei das Risiko für jede weitere Unterzuckerungen steigt.
Je öfters unser Zuckerlevel unter 70 mg/dl (4 mmol/l) fällt, desto weniger spüren wir die niedrigen Werte. Das kann man sich folgendermaßen vorstellen: Normalerweise schüttet unser Körper schon bei Werten von 65-70 mg/dl (3,6-4 mmol/l) das Hormon Glucagon aus, denn dem Gehirn ist der Zuckerpegel dann nämlich schon ein bisschen knapp. Glucagon holt daraufhin Zuckerreserven aus der Leber und der Zucker steigt wieder an. Leider wird bei manchen Menschen mit langjährigem Typ-1 Diabetes nicht mehr so viel Glucagon gebildet.
Das Gute ist, der Körper hat noch eine weitere Möglichkeit im Falle eines Unterzuckers zu reagieren. Bei Werten um 60-70 mg/dl (3,3-4 mmol/l) wird vom Körper auch Adrenalin freigesetzt. Adrenalin löst bei uns die unangenehmen Anzeichen wie Zittern, Schwitzen und Unruhe etc. aus, woran sich eine Unterzuckerung frühzeitig erkennen ließe. Sozusagen Stressanzeichen, die wir auch aus anderen stressreichen Lebenssituationen kennen. Adrenalin hilft auch den Blutzucker wieder zu erhöhen, indem es die Zuckerausschüttung aus der Leber anregt und den Zuckerverbrauch in den Muskeln hemmt.

Achtung, Obacht, Attention!

Denn jetzt kommt das Problem: die Ausschüttung bei Werten von 60-70 mg/dl (3,3-4 mmol/l) klappt nur, wenn wir nicht zu häufig sehr niedrige Werte haben. Merkt der Körper nämlich, dass Werte unter 60 mg/dl (3,3 mmol/l) regelmäßig vorkommen und dass das normal und damit kein Grund für Stress ist, wird Adrenalin erst deutlich später oder gar nicht mehr ausgeschüttet.
Bei Menschen mit langer Diabetesdauer und regelmäßigen Unterzuckerungen, wird die Adrenalinausschüttung dann bei niedrigen Werten zurück gefahren. Und so gibt es dann kaum noch Anzeichen zur Wahrnehmung des Unterzuckers und auch keine frühzeitige Gegenregulation des Körpers. Willkommen im Teufelskreis. Je weniger man seine Unterzucker spürt, desto weniger kann man sie verhindern.

Die gute Botschaft

Wenn du lange Diabetes hast und oft niedrige Werte, bist du gut beraten, deinen Blutzuckerspiegel für eine Weile künstlich höher zu halten. Ja ich weiß, das ist nicht leicht, vor allem, wenn man noch die Diabetesschulungen von vor 15 Jahren im Gedächtnis hat, mit den entsprechenden Mahnungen im Hinterkopf und angstbesetzten Bildern vor deinem geistigen Auge.
Die Adrenalinausschüttung erholt sich, wenn die Werte nicht mehr so häufig unter 70 mg/dl (4 mmol/l) fallen. Und vielleicht beruhigt es dich auch zu wissen, dass etwas höher und stabil gesünder für unseren Körper ist, als eine Berg- und Talfahrt mit vielen niedrigen Werten. Vorübergehend kann dann mal ein erhöhter Zielbereich von 80- 300 mg/dl (4,4-16,7 mmol/l)* gelten, was im Arzt-Patienten Gespräch geklärt werden sollte.


*Kirchheim-Verlag: CGM interpretieren, 2017, S98

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